Die Installation Blow Up entstand 2016 für die Ausstellung Essentials im Haus der Kunst in München, einem Ort, dessen Architektur und Geschichte untrennbar mit der nationalsozialistischen Kunstpolitik verbunden sind. Das Gebäude wurde 1937 als Haus der Deutschen Kunst eröffnet und bildete den ideologischen Gegenpol zur Ausstellung der sogenannten entarteten Kunst. Während dort zahlreiche künstlerische Positionen diffamiert, verfolgt und aus dem kulturellen Gedächtnis verdrängt wurden, diente dieses Haus der Inszenierung eines staatlich normierten Kunstbegriffs. Jede künstlerische Arbeit, die heute in diesen Räumen gezeigt wird, steht deshalb unweigerlich in Beziehung zu dieser historischen Last.
Vor diesem Hintergrund entwickelt Blow Up eine stille und zugleich eindringliche Form der Auseinandersetzung. Die Installation besteht aus zwei scheinbar einfachen Elementen. Eine große weiße Wand aus Sperrholz trifft auf einen schwarzen, aufgerichteten Luftkörper aus PET-Folie. Der etwa 4,5 Meter hohe Inflatable wird kontinuierlich von einem gewöhnlichen Ventilator mit Luft aus dem Ausstellungsraum gespeist. Die Luft strömt am Boden ein und entweicht durch eine kleine Öffnung wieder aus dem Objekt. Dadurch bleibt das Volumen dauerhaft unter Spannung und befindet sich in einem Zustand fragiler Stabilität.
Diese technische Konstruktion verweist auf ein zentrales Moment der Arbeit. Das Objekt existiert nur durch die zirkulierende Luft des Raumes selbst. Es ist kein abgeschlossenes Monument, sondern ein System, das permanent mit seiner Umgebung verbunden bleibt. Seine Form ist nicht festgelegt, sondern wird durch einen kontinuierlichen Fluss stabilisiert. Ohne diesen Fluss würde der Körper unmittelbar in sich zusammenfallen.
Die räumliche Inszenierung verstärkt diese Ambivalenz. Der Ausstellungsraum ist weitgehend abgedunkelt und ein einzelner Scheinwerfer hebt das schwarze Volumen aus der Dunkelheit hervor, während große Teile der Oberfläche im Schatten verschwinden. Die reflektierende Folie nimmt das Licht nur partiell auf, sodass die Form zwischen Präsenz und Auflösung oszilliert. Neben diesem dunklen Körper steht die große weiße Wand, die zugleich Projektionsfläche und Grenze bildet. Zwischen beiden Elementen entsteht ein Spannungsfeld aus Licht und Absorption, aus Sichtbarkeit und Verschweigen.
Gerade im Haus der Kunst erhält diese Konstellation eine besondere Bedeutung. Die schwarze Form erscheint nicht als heroische Skulptur, sondern als ein instabiles, aufgeblasenes Volumen, dessen Existenz von einem unsichtbaren Strom abhängt. Sie wirkt monumental und zugleich prekär. Die weiße Wand erinnert an jene architektonischen Flächen, auf denen einst ein ideologisch normiertes Bild von Kunst präsentiert wurde.
Die Installation stellt diese historische Situation nicht illustrativ dar. Stattdessen arbeitet sie mit atmosphärischen und materiellen Mitteln. Luft, Licht, Dunkelheit und Volumen bilden eine räumliche Situation, in der sich Fragen von Präsenz, Erinnerung und Verdrängung überlagern. Das einfache technische Prinzip aus Ventilator, Folie und Öffnung erzeugt ein Objekt, das zugleich stabil und verletzlich erscheint.
So wird Blow Up zu einer Reflexion über die Fragilität kultureller Bedeutungen. Das Werk erinnert daran, dass auch ideologische Monumente letztlich von den Strömungen ihrer Zeit getragen werden. Sie erscheinen massiv, solange der unsichtbare Druck sie aufrechterhält, doch ihre Form bleibt abhängig von den Bedingungen, die sie hervorbringen.
Die Arbeit versteht sich daher als persönliche Annäherung an einen Ort, dessen Geschichte nicht abgeschlossen ist. Sie versucht nicht, diese Geschichte zu illustrieren oder zu kommentieren, sondern sie atmosphärisch spürbar zu machen. Der dunkle, aufgeblasene Körper steht im Raum wie eine Verdichtung von Luft und Erinnerung, eine Form, die im Licht sichtbar wird und zugleich im Schatten verschwindet.
Gerade durch die historische Bedeutung des Hauses der Kunst wird die Frage nach Normierung und ideologischer Instrumentalisierung von Kunst zu einer Fragestellung, die auch in der Gegenwart gestellt werden muss. Die Geschichte dieses Ortes erinnert daran, wie schnell ästhetische Maßstäbe politisch verengt werden können und wie leicht Kunst in normative Systeme eingebunden wird. Eine zeitgenössische Auseinandersetzung mit diesem Raum bedeutet daher auch, wachsam gegenüber jeder Form ideologischer Vereinnahmung zu bleiben. Die Installation versteht sich in diesem Sinne als Einladung zur Reflexion darüber, wie fragile die Freiheit der Kunst sein kann und wie notwendig es bleibt, ihre Offenheit immer wieder neu zu verteidigen.
Becker Schmitz zeigte in den Jahren 2013 bis 2020 zahlreiche Inflatables an unterschiedlichen Ausstellungsorten. Das stets ortsspezifisch entwickelte Konzept entstand in Kooperation mit dem Lehrstuhl für Kirchenbau und Ästhetik an der Philipps-Universität Marburg unter der Leitung von Prof. Dr. Thomas Erne sowie mit Unterstützung und Assistenz von Sascha Anton Jörres.
© Becker Schmitz, 2016