Linien im Raum – Europa als Zeichnung (2011–2017)
„HOLD THE LINE“
Zwischen 2011 und 2017 entwickelte Becker Schmitz gemeinsam mit dem Mediengestalter und Fotografen Pascal Bruns ein langfristig angelegtes künstlerisches Projekt, das Zeichnung aus der Fläche in den realen Raum überführt. An zahlreichen Orten in Deutschland und Europa wurden temporäre Linienkonstruktionen im öffentlichen Raum installiert. Schwarze Linien, meist aus Klebeband oder vergleichbaren Materialien gefertigt, spannten sich zwischen architektonischen Strukturen, natürlichen Gegebenheiten und vorhandenen räumlichen Achsen. Aus einfachen linearen Eingriffen entstanden fragile geometrische Formen, die sich nur aus der spezifischen Situation des jeweiligen Ortes heraus lesen lassen.
Diese Interventionen operieren an der Grenze zwischen Zeichnung, Skulptur und räumlicher Wahrnehmung. Was zunächst wie eine minimalistische Geste erscheint, entfaltet im Kontext der Umgebung eine komplexe Wirkung. Die Linien reagieren auf bestehende Perspektiven, auf Fluchten von Mauern, Dachkanten oder Landschaftsformen. Sie legen verborgene geometrische Ordnungen frei oder erzeugen neue Beziehungen zwischen Architektur, Topografie und Blickrichtung. Der Raum selbst wird zum Träger der Zeichnung.
Die Arbeiten sind bewusst ephemer angelegt. Sie existieren oft nur für kurze Zeit und werden anschließend wieder entfernt oder verschwinden durch Witterung und Nutzung des Ortes. Ihre eigentliche Dauer erhält die Arbeit daher durch ihre fotografische Dokumentation und durch ihre kartografische Verknüpfung. Jeder Ort, an dem eine Linienkonstruktion entstand, wurde geografisch erfasst und in einer digitalen Karte verzeichnet. Auf dieser Karte verbinden schwarze Linien die einzelnen Koordinaten miteinander. So entsteht ein polygonales Netzwerk, das sich über Europa legt und die räumlich voneinander getrennten Interventionen zu einer gemeinsamen Zeichnung zusammenführt.
Das Projekt bewegt sich damit bewusst zwischen analoger Erfahrung und digitaler Visualisierung. Vor Ort begegnet man einer unmittelbaren, körperlich erfahrbaren Raumzeichnung, die sich nur durch Bewegung im Raum vollständig erschließt. Gleichzeitig existiert eine zweite Ebene, in der sich die einzelnen Orte zu einer übergeordneten Struktur verbinden. In der digitalen Karte wird sichtbar, dass jede lokale Intervention Teil einer größeren Zeichnung ist, die sich über geographische Grenzen hinweg entfaltet.
Gerade diese doppelte Struktur verleiht dem Projekt eine besondere Aktualität. Bereits zu einem Zeitpunkt, als digitale Kartografie und ortsbasierte Daten erst begannen, selbstverständlich in künstlerische Prozesse einzufließen, verband die Arbeit physische Interventionen mit einer digitalen Raumzeichnung. Die Linie existiert somit gleichzeitig als materieller Eingriff im Raum und als abstrakte Verbindung im digitalen Netz der Karte. Analoge Erfahrung und digitale Struktur bilden zwei Ebenen derselben künstlerischen Handlung.
Inhaltlich trägt dieses Netzwerk eine klare poetische und politische Dimension. Die Linie wird hier nicht nur als formales Mittel verstanden, sondern als Symbol für Verbindung. Indem Orte in unterschiedlichen Ländern durch eine gemeinsame zeichnerische Struktur miteinander verknüpft werden, entsteht ein künstlerisches Bild eines Europas, das durch kulturelle Beziehungen, Bewegung und Austausch zusammengehalten wird. Die Linie markiert keine Grenze, sondern eine Verbindung zwischen Orten, Menschen und Perspektiven.