Brennstoffzelle
Der Raum erscheint zunächst monochrom. Ein intensives Gelb überzieht jede Fläche. Boden, Wände und Decke scheinen aus demselben Material zu bestehen, doch bei näherem Hinsehen löst sich diese visuelle Einheit auf. Tausende von Haftnotizzetteln bedecken den gesamten Raum. Jeder einzelne wurde von Hand angebracht. Manche stehen leicht von der Oberfläche ab und erzeugen eine fast pelzige Struktur, andere liegen dicht und flächig auf. Die Oberfläche beginnt zu vibrieren zwischen Weichheit und Ordnung, zwischen Berührbarkeit und strenger Rasterung. Im Zentrum hängt eine einfache Glühbirne an einem Kabel. Ihr Licht verstärkt das monochrome Feld und lässt die Zettel zu einem atmosphärischen Körper werden. Der Raum verliert seine architektonische Neutralität und verwandelt sich in eine dichte, beinahe körperliche Situation. Wer ihn betritt, bewegt sich nicht mehr nur durch einen Ausstellungsraum, sondern durch eine materialisierte Denkfigur.
Die Installation Brennstoffzelle entstand als Zusammenarbeit von Becker Schmitz und Il-Jin Atem Choi. Beide Künstler arbeiteten über mehrere Tage hinweg in einer fast asketischen Konzentration an der Oberfläche des Raumes. Jeder einzelne Zettel wurde gesetzt, gedreht, angedrückt oder bewusst leicht abstehend belassen. Die Installation entstand somit nicht nur als räumliche Komposition, sondern als körperlich erfahrbarer Prozess der Verdichtung. Das verwendete Material gehört zu den banalsten Gegenständen des Alltags. Haftnotizen dienen gewöhnlich der Organisation von Gedanken, der Erinnerung an Termine oder der schnellen Mitteilung im Büro. In Brennstoffzelleverlieren sie diese Funktion vollständig. Die Notizzettel tragen keine Schrift, keine Botschaft und keine Information. Ihre ursprüngliche Rolle als Träger flüchtiger Kommunikation wird suspendiert. Durch ihre radikale Wiederholung und räumliche Ausdehnung verwandeln sie sich in eine Struktur, die den Raum selbst formt.
Hier greift eine zentrale Strategie der Gegenwartskunst. Ein alltägliches Material wird aus seinem funktionalen Kontext herausgelöst und in eine neue Bedeutungsordnung überführt. Diese Dekontextualisierung bildet einen konzeptuellen Kern der Arbeit von Il-Jin Atem Choi. Materialien werden nicht als neutrale Träger verstanden, sondern als kulturell codierte Elemente, deren Bedeutung sich durch Verschiebung verändert. In Brennstoffzelle wird aus einem unscheinbaren Büromaterial eine raumbildende Matrix, die Wahrnehmung, Erinnerung und Bedeutung neu organisiert.
Für Becker Schmitz erhält dieses Material zugleich eine zutiefst persönliche Dimension. Kurz vor seinem plötzlichen Tod hinterließ sein Vater im Jahr 1998 eine letzte Nachricht auf einem kleinen Notizzettel. Dieser fragile Träger einer Botschaft wurde zu einem stillen Ausgangspunkt der Arbeit. Die tausendfach wiederholten Zettel erscheinen wie eine Resonanz dieses einen Moments. Sie bilden ein Feld der Erinnerung, in dem die Idee der Mitteilung präsent bleibt, obwohl keine Worte mehr existieren. Die ursprüngliche Funktion des Materials ist ausgelöscht, doch gerade in dieser Leere öffnet sich ein Raum für Projektion und Kontemplation. Der Titel Brennstoffzelle verweist auf einen Prozess der Umwandlung. In technischen Systemen beschreibt eine Brennstoffzelle ein Element, das Energie aus einer chemischen Reaktion gewinnt. Übertragen auf die Installation bezeichnet der Begriff eine innere Dynamik. Der Raum funktioniert wie ein energetisches System, in dem persönliche Erfahrung, Materialität und Wahrnehmung miteinander reagieren.
Die Trauer wird hier nicht narrativ erzählt. Sie wird in eine räumliche Struktur übersetzt. Die monotone Wiederholung des Materials erzeugt eine meditative Ordnung. Der Raum wird zu einem Ort konzentrierter Aufmerksamkeit, zu einem hermetischen Denkraum, der sich der inneren Einkehr widmet. Gerade diese Verbindung von radikaler Materialstrategie und biografischer Resonanz verleiht der Arbeit ihre besondere Intensität. Brennstoffzelle bewegt sich zwischen Konzeptkunst, Rauminstallation und atmosphärischer Erfahrung. Sie zeigt, wie ein scheinbar neutrales Material zu einem Träger komplexer emotionaler und philosophischer Fragestellungen werden kann. Innerhalb des Gesamtwerks von Becker Schmitz lässt sich die Installation als frühe Verdichtung jener Fragestellungen lesen, die seine künstlerische Praxis bis heute prägen. Die Transformation von Alltagsmaterialien, die Konstruktion atmosphärischer Räume und die Verschiebung von Wahrnehmung bilden wiederkehrende Leitmotive. Räume werden zu Denkmodellen, Materialien zu Trägern von Erinnerung und Erfahrung.
Die Installation wurde über mehrere Jahre hinweg in verschiedenen Museen und Galerien im In- und Ausland gezeigt. Eine besondere internationale Sichtbarkeit erhielt sie in der Ausstellung False Optimism in der Crowfoot Art Gallery in Cork im Jahr 2013. Dort wurde die Arbeit in einen Diskurs über Materialität, Wahrnehmung und emotionale Topografien der Gegenwart eingebettet. Brennstoffzelle entfaltet ihre Wirkung nicht durch spektakuläre Bilder, sondern durch eine radikale Konzentration auf Material, Raum und Erfahrung. Der Besucher betritt eine Umgebung, die zugleich minimal und überwältigend wirkt. Das vertraute Material erscheint plötzlich fremd und poetisch.
Der Raum wird so zu einer stillen Maschine der Transformation. Schmerz wird nicht verdrängt, sondern in eine Form überführt, die Resonanz erzeugt. Aus einem einfachen Zettel entsteht eine Architektur der Aufmerksamkeit. In diesem Sinne wird die Installation tatsächlich zu dem, was ihr Titel verspricht. Zu einer Brennstoffzelle der Wahrnehmung. Zu einem Ort, an dem Erinnerung nicht nur bewahrt, sondern in eine produktive Energie verwandelt wird.
© Becker Schmitz und Il-Jin Atem Choi