Entgrenzung über Becker Schmitz
von Jan Kate, Berlin, 2021

zur Eröffnung der Ausstellung bei Köppe Contemporary, Freitag, 24.9. 2021

Entgrenzung ist nicht nur der Titel dieser Ausstellung. Vielmehr dient das Wort Stefan Becker Schmitz als Beschreibung seiner künstlerischen Praxis. Aber wie genau ist das gemeint? Ist es seine Malpraxis, welche die Bilder entgrenzt, wenn das denn möglich ist? Sind es hier die Formen, die Farben, ihre Konturen, gar das Material, welche dann der Entgrenzung dienen? Ist diese Entgrenzung dabei selber Effekt oder Absicht, sprich passiert das oder ist das gewollt? Und / Oder ist es vielleicht sogar der Künstler selbst, der sich durch seine Arbeit entgrenzt, für den Moment der Produktion zum Beispiel oder darüberhinaus, prozesshaft aus dem was ihn bislang und überhaupt begrenzt und beengt, ihn gefangen hält und fesselt: der gesellschaftliche Kokon, die Erziehung, die Konvention, der eigene Körper? Ein Arbeitsprozess um näher zu sich selbst zu finden? Aber so ich-bezogen wirken die Arbeiten nicht. Vielleicht bezieht sich der Begriff ja aber auch auf den Betrachtenden und dessen Verhältnis zum Betrachteten, dem Bild. Der Dialogprozess zwischen Rezipient und Produzent, der sich im Moment der kontemplativen Betrachtung von Kunst einstellt. Oder schlussendlich auf das Bild selbst.

Im Gespräch beschreibt Becker Schmitz Entgrenzung als eine besondere Form der „Entsprachlichung“, die eine Ahnung und ein Grundgefühl offenbare, dass es da etwas gäbe, das den uns umgebenden Raum und das Dazwischen ausfüllt. Er meint nicht das, was man um die vorletzte Jahrhundertwende physikalisch und chemisch den Äther nannte. Vielmehr einen Raum der jenseits der Sprache liegt. Er sagt: „Das „nicht in Worte fassen“ ist also kein

Unvermögen, sondern dem Medium Sprache geschuldet, das durch seine Syntax beschränkt bleibt.“

Nun ist es nicht ganz leicht eine Rede für einen Künstler und dessen Kunst zu schreiben und zu halten, also etwas zu Versprachlichen, wenn dieser seine Bilder einem Ausdruckswillen abtrotzt, der sich seiner malerischen Mittel aufgrund der gefühlten Unzulänglichkeit sprachlicher Mittel zur Darstellung des Darzustellenden bedient, ohne dem Künstler und dem wie er darstellen will in seinen Paradigmen zu widersprechen. Ich will es trotzdem versuchen. Nicht ihm zu widersprechen. Sondern zu versprachlichen.

Man kann die bildende Kunst, als die konkreteste aller Künste beschreiben, weil es ihr gegeben ist, das direkt abbilden zu können, was Worte symbolisch fassen. Wenn ein bildender Künstler aber in seinen Bildern, wie Becker Schmitz es in seinen Abstraktionen tut, nicht bloß nicht abbildet, sondern durch Auslassungen auf die Anwesenheit etwas Abwesenden beziehungsweise konkret-nicht-da-Seienden verweist – und genau das ist seine Absicht - dann nutzt er eine Technik, die eigentlich in der Musik, der abstraktesten aller Künste zuhause ist. Denn sie vermag es emotional zu fassen und die antizipierenden Fähigkeiten des Rezipienten zu fordern. Auslassungen, Leere, Fläche, farbig schimmernder Raum. Die Noten, die der Musiker nicht ausspielt, die man aber im Kopf hört, wenn man sich der Musik hingibt. Das sind die Töne, die Becker- Schmitz meint.

Man muss kein Synästhet sein, um Farben als Töne zu begreifen, sie als solche zu fühlen. Nicht umsonst sprechen wir von Farbtönen. Und nicht wenige Maler beschreiben Farben mit Worten wie Wärme und Kälte, Klarheit, Stärke, Potenz, Zartheit, Frühling, Wucht, als hoffnungsvoll oder traurig, frisch, fresh oder als aus der Zeit gefallen, etwas nostalgisches evozierend. Mit emotionalen Worten also, die beschreiben können, was der Maler fühlt und es, da es Worte sind, die für sich bezeichnende Farben und Bilder beschreiben, dennoch nicht vollends abzubilden vermögen.

Das Wort und das Bild, diese Urgeschwister aus den Anfangstagen aller Kultur, wie es die französischen Soziologen beschrieben haben, sind unauflösbar miteinander verbunden, bedingen einander. Die erste Künstlerin, die einen Büffel an die Höhlenwand in Südafrika oder Südfrankreich malte, musste zu ihrer mitjagenden Schwester eben auch „Büffel“ sagen, damit diese verstand, was die ockerfarbenen Striche an der Wand da bedeuten sollten. Das Ge- Zeichnete und das Be-Zeichente kommen aus demselben anthropologischen Moment, in dem der Mensch erst wirklich Mensch wurde, kulturelles Wesen; indem er sich Sprache gab. Und indem er sich Bilder gab, die auf etwas da draußen, etwas Konkretes verweisen. Um diese Bilder nachts, im flackernden Licht des Feuers als bewegt zu erleben, zu besingen und zu bedichten; sie als Trost und Vergewisserung zu nehmen, dass der dunklen Nacht der lichte Morgen folgen wird, so wie an den Tagen zuvor auch; dass die Sonne, die erste aller Göttinnen, die Dinge nicht nur ins Licht, sondern in Farbe setzen würde. Und dass es da etwas gibt, das den sie umgebenden Raum und das Dazwischen ausfüllt. Etwas, das besungen und bedichtet und mit Bildern gemalt werden muss.

Becker Schmitz schreibt: „Doch die Visualisierung in der Kunst sorgt dafür, dass sich der Betrachter in einen scheinbaren Widerspruch vorwagen kann und eine Ahnung von diesem nicht beschreibbaren Zustand bekommt, der jenseits der Sprache liegt.“ Und ich füge hinzu: Und dennoch nicht ohne die Sprache auskommt, nicht ohne die Beschreibung und Umschreibung dessen, was da durch Farbe in den Bildern ins nicht Anwesende verweist. Es zumindest versuchen sprachlich einzukreisen. Wenn wir uns Becker Schmitz‘ Bilder angucken, wollen wir auch drüber sprechen.

„Immer und Fortwährend wirkt ein Nichts in Allem und dieser sich entgrenzende Gedanke materialisiert sich im Kunstwerk selbst – Entgrenzung“, so BS. Ist das Entropie? Auf jeden Fall ist dieses „Nichts in Allem“ der Grund für alle Kultur, für Philosophie und Religion. Es ist dies das Nachdenken über das ewige

Mysterium: Aus Asche und Staub sind wir laut Thora gemacht und zu Asche und Staub werden wir wieder. Was ist es also, dass diesen materiellen von uns bewohnten Körper, in dem wir uns durch diese rätselhafte, wunderbare und beizeiten - bei Jahreszeiten - farbige Welt bewegen, in dem wir in dieser sind und damit Teil dieser sind, was ist es, das diesen vergänglichen Haufen komplex-geordneter Materie den wir unseren Körper nennen schlussendlich belebt? Der Geist? Die Seele? Der göttliche Funke? Es ist nicht ganz leicht hierfür in unserer durch und durch rationalen, säkularen und materialistischen Welt Begriffe zu finden. Begriffe, die begreifbar machen können, was nie wirklich in aller Tiefe zugreifen und zu fassen ist. Zu erleben und zu fühlen vielleicht. Was Menschen deshalb nur durch die Künste andeuten können. Indem sie Farben und Töne für das finden, was vollauf nur zu Fühlen und zu Ahnen ist: Das Antizipierbare auch durch Auslassung andeuten.

Ist das zu abstrakt? Dann denkt doch einfach an Jeanne Claude und Christo und ihre Verhüllungskunst. Ganz aktuell: Der postum verpackte Arc de Triomphe in Paris. Wir sehen nur die silbrig-blauen Stoffbahnen und ahnen doch den darunterliegenden, steinernen und sehr konkreten Triumphbogen, den wir zuvor schon so oft gesehen haben. Ein bißchen Schrödingers Katze: Ist er da wirklich drunter? Die Stoffbahnen, das sind die freien, schillernd leuchtenden Flächen in Becker Schmitz‘ Bildern.

Becker Schmitz schafft mit seinem Wechselspiel zwischen Opazität (also dem hochdeckendem Farbauftrag) einerseits und Transluzenz, dem lichtdurchlässigen die Hintergründe für seine Bilder. Um diesen Effekt zu erzeugen, nutz der Künstler neue Materialien: synthetische Malgründe auf die er mit einer Kombination aus Öl und Acryllacken seine abstrakt gestischen Formen malt. Diese Gesten auf den fein gearbeiteten Hintergründen, das ist der Mensch Becker Schmitz der auf den „transzendenten“ Hintergründen tanzt. Die dem Gestischen innenwohnende Expressivität ist Ausdruck einer Körperlichkeit, einer Körper-Kultur, die sich bei Künstlern nach Jahren der Praxis einschreibt. Wie der Arm den Pinsel führt. Einem Tänzer gleich, der Bewegungen und

Abläufe bis zur zweiten Natur verinnerlicht hat, malt der Künstler im freien, im expressiven Prozess seinen ganz eigenen sublimierten Stil. Der Kontrast, des sich auf der Oberfläche ausdrückenden Gestischen - also dem sehr individuellen - zu den pastellig oszillierenden feinen Farbverläufen des Hintergrundes beschreibt das Verhältnis des Künstlers zur Welt. Auf sie bezieht er sich. Und sie ist zugleich der Hintergrund, die Bühne seines Tanzes.

Diese vordergründigen Gesten sind also als rein expressiv und nicht als symbolisch oder gar symbolistisch zu verstehen. Die Pinselstriche und sich daraus ergebenden Formen strukturieren die Fläche und öffnen gleichzeitig wiederum Räume, Zwischen-Räume. Geben zusätzlich zu den in dezent leuchtenden Farbtönen, matter gehaltenen Hintergründen Tiefe. Manchmal assoziiert der Betrachtende, deutet die Formen figurativ aus, sieht Äste, Gestrüpp, was eventuell mit Becker Schmitz‘ früheren Werkphase, der Landschaftsmalerei zu tun hat; auch Architektur, Gestell, verbogene Trockenbauschienen. Alles nur Assoziation.

Interessanterweise bringt Becker Schmitz diese Formen und Bewegungen nicht als letzten Malvorgang auf den zuvor geschaffenen Hintergrund, sondern als erstes. Die Hintergründe werden später drumrum gebaut. Der direkte, gestische Ausdruck kommt also zuerst. Hierdurch entsteht für den Betrachtenden ein Moment der Irritation: Das was Vordergrund ist, kann auch Hintergrund sein und wieder umgekehrt. Alles scheint möglich, nichts ist unmöglich. Dieser Effekt wird durch den Umstand verstärkt, dass der Künstler die glasklaren Folien von vorne, wie von hinten bemalt.

„Es gibt nichts Neues auf der Welt. Alles Neu ist Vergessenheit.“ Diese Worte schreibt Jorge Luis Borges König Salomon zu. Wir bauen nicht auf dem auf, was die vor uns gemacht haben. Wir interpretieren die Vor-Bilder nur anders. In der ägyptischen Sammlung des Neuen Museums ist eine Galerie mit Büsten aus drei Jahrtausenden zu sehen. Und alle ausgestellten Exponate sind für sich wunderschön. Die Künstler die diese gefertigt haben, sind mit den Jahrhunderten, mit den Jahrtausenden nicht besser geworden. Sie haben einfach unterschiedlich gestylet.

Wir werden gleich im Anschluss die Performance des amerikanischen Künstlers Matt Mottel von der Band: talibam erleben, den Becker Schmitz eingeladen hat, seine im Garten stehende, durch Videomapping zum Leuchten gebrachte Installation mit Sound zu bespielen. Und wenn wir Glück haben, sind wir während dieser Performance für einen Moment mit unseren Vorfahren, die in den Höhlen ihre Bilder am flackernden Lagerfeuer mit Sound und Wort bespielt haben, verbunden. Durch das Dazwischen, den uns umgebenden Raum von dem Becker Schmitz spricht und den er malt.

In diesem Sinne, lasst euch die Sprache verschlagen und findet dennoch Worte. Geht in das Dazwischen. Tanzt zu den Bildern. Entgrenzt Euch.