Das Heiligenhaus
Über Erinnerung, Landschaft und die Aktualität des Unscheinbaren
Das künstlerische Projekt Das Heiligenhaus von Becker Schmitz und dem Fotografen Frank Thon widmet sich einem scheinbar unspektakulären, zugleich kulturhistorisch tief verankerten Phänomen der niederrheinischen Landschaft. Gemeint sind die sogenannten Heiligenhäuschen. Diese kleinen sakralen Bauwerke stehen häufig an Wegkreuzungen, Feldern oder Hofzufahrten und gehören seit Jahrhunderten zum kulturellen Gedächtnis der Region. Im Alltag bleiben sie jedoch oft unbeachtet. Sie werden übersehen im Strom der täglichen Mobilität und in einer Gegenwart, die von beschleunigten Bildwelten geprägt ist. Das Projekt macht genau diese Unsichtbarkeit zum Ausgangspunkt einer künstlerischen Untersuchung.
Ausgangspunkt bildet die fotografische Arbeit von Frank Thon. Über mehrere Jahre hinweg dokumentierte er mehr als hundert dieser Bauwerke. Die Fotografien folgen einer bewusst strengen formalen Methodik. Sie sind in Schwarz Weiß gehalten, frontal aufgenommen und unter vergleichbaren Lichtbedingungen fotografiert. Diese systematische Vorgehensweise knüpft an die Tradition dokumentarischer Fotografie der sogenannten Neuen Sachlichkeit an, wie sie etwa durch Bernd und Hilla Becher geprägt wurde. Die Heiligenhäuser erscheinen dadurch weniger als religiöse Objekte, sondern vielmehr als architektonische Formen innerhalb einer typologischen Ordnung. Ihre kulturelle Bedeutung wird erst in der seriellen Gegenüberstellung sichtbar.
Im Dialog mit dieser fotografischen Präzision entwickelt Becker Schmitz eine räumliche künstlerische Arbeit. Für die Ausstellung im Städtischen Museum Kalkar entstand ein Heiligenhaus, das auf geometrische Linien und polygonale Strukturen reduziert ist. Die Installation wirkt wie ein in den realen Raum überführtes digitales Modell. Die Architektur bewegt sich zwischen physischer Skulptur und virtueller Bildwelt. Durch Licht und räumliche Inszenierung entsteht eine immersive Wahrnehmungssituation, die an eine Malerei im Raum erinnert.
Gerade in dieser Gegenüberstellung liegt die besondere Qualität des Projekts. Während die Fotografien von Frank Thon eine analytische und beinahe archivierende Perspektive eröffnen, überführt Becker Schmitz das Motiv in eine zeitgenössische ästhetische Erfahrung. Dokumentation und Transformation treten in ein produktives Spannungsverhältnis.
Die Zusammenarbeit der beiden Künstler geht über eine klassische Verbindung von Fotografie und Installation hinaus. Vielmehr entsteht ein intermediales Forschungsfeld, in dem unterschiedliche künstlerische Methoden miteinander verbunden werden. Dazu gehören dokumentarische Fotografie, kartografische Erfassung, digitale Plattformen und räumliche Installation. Ergänzt wird das Projekt durch eine digitale Karte, auf der mittlerweile zahlreiche Standorte der Heiligenhäuser verzeichnet sind. Diese Kartografie verschiebt das Projekt aus dem Ausstellungsraum in den realen Landschaftsraum und eröffnet eine neue Form ästhetischer Wahrnehmung. Kunst wird nicht ausschließlich im Museum erlebt, sondern kann im Alltag entdeckt werden.